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Erfolgreiches Integrationsmodell: Vom Praktikum zum Ausbildungsplatz

Auf dem Foto sieht man Mero AbdelAziz mit Maik Schneider von der Tischlerei Schlaf. Auf dem Foto sieht man Mero AbdelAziz mit Maik Schneider von der Tischlerei Schlaf.

Oberweser/Landkreis Kassel. „Unser Ansatz über Praktika Flüchtlinge in Ausbildung und Beschäftigung zu bringen, funktioniert – auch und gerade im ländlichen Raum“, bilanziert Vizelandrätin Susanne Selbert die Arbeit des Integrationsmanagements im Fachdienst Asyl des Landkreises Kassel. Selbert machte sich am Beispiel von zwei Flüchtlingen, die zum 1. August eine Ausbildung in zwei unterschiedlichen Betrieben in Oberweser beginnen, selbst ein Bild.
 
Mero AbdelAziz startet seine Ausbildung zum Tischler in der Tischlerei Schlaf in Oberweser-Oedelsheim. „Ich habe bereits mit 12 Jahren begonnen, in meinem Heimatland Syrien in der Fenster- und Schrankherstellung zu arbeiten“, berichtet der 23jährige AbelAziz. Auf der Flucht hatte er 2013 und 2014 in der Türkei in einem Textilbetrieb im Lager und bei der Verpackung gearbeitet. AbelAziz: „Seit August 2014 bin ich in Deutschland und seit Dezember 2014 lebt er in der Gemeinschaftsunterkunft des Landkreises Berghof in Oberweser-Oedelsheim.

Ab Mai 2015 arbeitete der kurdische Jeside AbdelAziz im Rahmen einer Arbeitsgelegenheit als Hausmeistergehilfe in der Gemeinschaftsunterkunft Berghof des Landkreises. Vom 1. Juli 2016 bis Ende September 2016 absolvierte er dann ein Praktikum zur Berufsorientierung bei der Tischlerei Schlaf – danach schloss sich ein Deutschkurs der Volkshochschule Region Kassel in der Gemeinschaftsunterkunft Brückenstraße in Gieselwerder an. Seit Januar 2017 nimmt AbdelAziz am Projekt „Wirtschaft integriert“ des Vereins für Sozialpolitik, Bildung und Berufsförderung e.V. Kassel und der Bundesagentur für Arbeit teil (siehe Hintergrund).
 
„Wir übernehmen Mero gern in eine Ausbildung – er ist ein sehr guter Teamarbeiter und ich freue mich, ihn im Team zu haben“, bestätigt Friedhelm Schlaf, Inhaber der Tischlerei Schlaf. Die guten Erfahrungen mit der Beschäftigung von Flüchtlingen hat dazu geführt, dass die Tischlerei einen weiteren Praktikanten aus Syrien beschäftigt hat. Alkasem Hamam arbeitet jetzt nach Abschluss des Praktikums auf Minijobbasis mit 12,5 Stunden in der Tischlerei. Zusätzlich ist aktuell noch ein weiterer Praktikant aus Pakistan namens Liaquat Ali in der Firma beschäftigt.

Auf dem Foto sieht man Mohammad Masoud beim Klopfen von Schweineschnitzeln in der Küche des Lindenhofs in Oberweser-Weißehütte.

Gute Erfahrungen mit Flüchtlingen hat auch Harald Henne vom „Lindenwirt“ in Oberweser-Weißehütte gemacht. „Wir haben bereits eine Reihe von Praktika durchgeführt und mit Mohammad Masoud werden wir jetzt die erste Ausbildung beginnen“, informiert Henne. Der 22jährige Masoud stammt aus Damaskus, seine Familie lebt größtenteils noch in Syrien; eine Tante lebt in München. „Ich habe einen Integrationskurs in Hofgeismar besucht und ein Praktikum hier im Lindenwirt gemacht“, berichtet Masoud.

Seit November 2016 ist er in einem Einstiegsqualifizierungspraktikum (EQ-Praktikum/siehe Hintergrund), das jetzt in eine Ausbildung als Koch übergehen soll. Masoud: „Ich habe zuerst in der Gemeinschaftsunterkunft am Mühlenplatz gewohnt, seit November 2016 wohne ich in einer eigenen Wohnung in Gieselwerder“. Über das Jobcenter Landkreis Kassel erhält Masoud eine Förderung zum Erwerb des Führerscheins – „ich hatte bereits meine dritte Fahrstunde“, so Masoud. Er hofft auf die Trinkgeldfreudigkeit der Gäste im Lindenwirt, um Geld für ein eigenes Auto zu sparen.
 
Der Landkreis Kassel hatte bereits frühzeitig auf die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt gesetzt. Bereits im August 2015 wurde die Stelle eines Integrationsmanagers geschaffen – mittlerweile kümmern sich zwei Mitarbeiter des Landkreises um die Vermittlung von Flüchtlingen in Beschäftigung. „Die Arbeit von Bijan Otmischi und Kathrin Schacht hat sich schon sehr bezahlt gemacht und die beiden sind bei den Arbeitgebern in unserer Region, bei der Arbeitsagentur, dem Jobcenter und den Kammern für ihre Fachkompetenz äußerst anerkannt“, stellt Vizelandrätin Selbert fest. Es sei gelungen, über 200 Flüchtlinge in Beschäftigung zu bringen – „das ist eine außergewöhnlich gute Bilanz und wir sind froh, dass wir mit der heimischen Wirtschaft an einem Strang in die gleiche Richtung ziehen“, so Selbert weiter.
 
Auch auf europäischer Ebene fließen die Erfahrungen des Landkreises ein: „Wir sind Partner eines EU-Projektes der Universität Alicante namens LikeHome, bei dem es um die Entwicklung eines europaweiten Informationsportals für Menschen, die außerhalb Europas eine Ausbildung abgeschlossen haben und in Europa arbeiten wollen, geht“, berichtet Harald Kühlborn, der die internationalen Kooperationen des Landkreises betreut.
 
Hintergrund:

Wirtschaft integriert ist ein Projekt des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung. Es wird gefördert aus Mitteln des Landes Hessen, des Europäischen Sozialfonds [ESF], den Agenturen für Arbeit sowie den Jobcentern. Kooperationspartner sind zudem die Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit, der Hessische Handwerkstag und die Arbeitsgemeinschaft der Hessischen Industrie- und Handelskammern.
Bei der Projektumsetzung arbeiten die beteiligten Bildungseinrichtungen – vorwiegend des Handwerks – mit den Standorten des Bildungswerks der Hessischen Wirtschaft e. V. [BWHW] zusammen. Für die Koordination des hessenweiten Projektes wurde beim BWHW ein Projektbüro mit regionalen Ansprechpartnern eingerichtet.
Mit „Wirtschaft integriert“ wird in Hessen der erfolgreiche Berufsabschluss für junge Flüchtlinge und andere junge Menschen, die Deutschförderung benötigen, realistisch. Wirtschaft integriert unterstützt diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch eine kontinuierliche Förderkette von der beruflichen Orientierung bis zum erfolgreichen Ausbildungsabschluss.
 
Vorrangige Intention einer Einstiegsqualifizierungspraktikum (EQ) ist es, jungen Menschen, die bisher keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, Gelegenheit zu geben, berufliche Handlungsfähigkeit zu erlangen bzw. zu vertiefen. Gleichzeitig bietet eine EQ dem Ausbildungsbetrieb die Möglichkeit, den jungen Menschen nicht nur in einem kurzen Bewerbungsgespräch kennenzulernen, sondern seine Fähigkeiten und Fertigkeiten über einen Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten im täglichen Arbeitsprozess beobachten zu können. Der vergleichsweise lange Zeitraum erlaubt es, die Leistungsfähigkeit besser einzuschätzen. Zielgruppen für EQ-Maßnahmen sind Ausbildungsbewerberinnen und -bewerber, die bis zum 30. September eines Jahres keine Ausbildungsstelle finden konnten sowie junge Menschen, die aktuell noch nicht in vollem Umfang für eine Ausbildung geeignet oder lernbeeinträchtigt und sozial benachteiligt sind. EQs sind offen für Flüchtlinge.
 
LikeHome ist ein europäisches Projekt, an dem neun Organisationen aus sieben Ländern teilnehmen. Die Projektleitung liegt bei der Universität Alicante. Ziel des Projektes ist es, die Integration von Migranten und Flüchtlingen in das Bildungs- und Qualifizierungssystem, in Wirtschaft und Gesellschaft des jeweiligen neuen Heimatlandes in Europa zu fördern. Dabei spielen verlässliche Kenntnisse über die vorhandenen Fertigkeiten und Qualifikationen von Migranten und Flüchtlingen eine entscheidende Rolle. Damit sollen Arbeitslosigkeit bzw. Beschäftigung unterhalb der Qualifikation vermieden werden. Die passgenaue Integration von Menschen mit Bildungsabschlüssen aus Nicht-EU-Ländern ist vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels in einer Reihe von EU-Ländern von großer Bedeutung. LikeHome soll dabei helfen, diesen Prozess besser und effektiver zu organisieren. Weitere Informationen auf der Internetseite www.likehomeproject.com. LikeHome wird aus dem Erasmus+-Programm der Europäischen Union finanziert.

05.07.2017
 


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